Neue Klassenkämpfe? Workshop und Buchvorstellung

Es geht auch ohne den DGB – Buchvorstellung und Diskussion
8.2.08, 19.30 Uhr, BAIZ, Christenstr. 1

Der Historiker Peter Birke wird sein kürzlich im Campus-Verlag erschienenes Buch „Wilde Streiks im Wirtschaftswunder – Arbeitskämpfe, Gewerkschaften und soziale Bewegungen in der Bundesrepublik und Dänemark“ vor- und zur Diskussion stellen. Dabei soll es auch um die Frage gehen, welche Bedeutung wilde Streiks heute angesichts der Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse und des teilweisen Bedeutungsverlust des DGB heute haben und wie eine außerparlamentarische Linke darauf reagieren kann.
Die Veranstaltung und der Workshop am Tag drauf werden von den Internationalen KommunistInnen und der Gruppe Soziale Kämpfe im Rahmen der vom Euro-Mayday-Bündnis organisierten Veranstaltungsreihe „Prekarität – Solidarität – Widerstand“ vorbereitet.

Workshop zu: Betriebliche Bewegungen und Perspektiven antikapitalistischer Intervention
9.2.08, 14.30 bis 19 Uhr, Haus der Demokratie

Die Fragmentierung der ArbeiterInnenklasse in eine Vielzahl von (Lohn)Arbeitsverhältnissen hat nicht zu einem Verschwinden des Klassenkampfes geführt. Im neoliberalen Kapitalismus hat das Kapital den sozialstaatlichen Klassenkompromiss einseitig aufgekündigt. Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen, verstärkte Konkurrenz und eine Individualisierung der Konflikte erschweren die Entstehung von Widerstand und Gegenmacht.
Aber es kommt es auch zu einer Neuzusammensetzung der ArbeiterInnenklasse und Ansätzen von neuen Kämpfen auf Betriebsebene: So fanden in den letzten Jahren eine Vielzahl von Arbeitskämpfen und Streiks statt (wie bei AEG in Nürnberg, Opel Bochum, Bosch Siemens Hausgeräte Berlin, Gate Gourmet, bei der Bahn und im Einzelhandel).
Meist handelt es sich um Abwehrkämpfe, die sich gegen drohende Verschlechterungen oder Betriebsschließungen wehren. Einige dieser Kämpfe wurden mit offensiven Forderungen und Kampfformen geführt, es tauchen Forderungen nach „politischem Streik“ und neuen Formen sozialer Sicherung auf. Die Kämpfe finden jedoch punktuell und unverbunden voneinander statt, es fehlen Verknüpfungen und über tarifpolitische Fragen hinausgehende Perspektiven.
In diesen Suchprozessen stellt sich für antikapitalistische Linke die Frage nach Möglichkeiten des Eingreifens über die ökonomischen und betrieblichen Grenzen der Kämpfe hinaus und der Organisierung einer konkreten antikapitalistischen Politik.

Gemeinsam Kämpfen?
Antikapitalistische Perspektiven und ihre Organisierung

Wir wollen über den „Stand der Kämpfe“ diskutieren und zu einer Verständigung über Ansätze und Ziele der Unterstützung von Arbeitskämpfen beitragen. Ziel ist eine Diskussion und Vernetzung von Aktiven aus unterschiedlichen Bereichen und politischen Zusammenhängen – in und außerhalb von Gewerkschaften.
Vorhandene Ansätze zur Unterstützung sind weitgehend unverbunden und die Diskussion um gemeinsame Organisierungsmöglichkeiten steckt noch in den Anfängen. Ansätze wie der „Mayday“ versuchen solidarische Perspektiven angesichts der Unterschiedlichkeit prekärer Lebensverhältnisse zu entwickeln, bleiben aber bisher getrennt von Auseinandersetzungen in Betrieben.
Welche Ansätze zur Unterstützung von Arbeitskämpfen gibt es? Welches sind die Grenzen von (linker) Gewerkschaftspolitik ? Wie können Perspektiven des Eingreifens und der Organisierung über betriebliche und ökonomische Grenzen der Kämpfe hinaus aussehen?
Um in der nächsten Zeit wahrnehmbarer eingreifen zu können, wollen wir auch die Frage nach der Organisation und Vernetzung von Unterstützungspolitik diskutieren. Dazu sollen Ideen für die nächste Zeit entwickelt werden.

Prekarisierung hat viele Gesichter – solidarische Perspektiven?
Prekarisierung hat viele Gesichter, sie betrifft eine Mehrheit der Lohnabhängigen – aber auf unterschiedliche Weise, bestehende Spaltungen werden noch verstärkt. Die Frage nach solidarischen und verallgemeinerbaren Perspektiven in den Kämpfen, die von den unterschiedlichen Realitäten ausgehen, wird zu einer zentralen Frage. Diese Perspektiven können aber nicht von „außen“ an die Betroffenen herangetragen werden, sondern müssen sich in den Kämpfen und im Alltag entwickeln. Die Begrenzung der Kämpfe wäre nur durch eine doppelte Bewegung zu überwinden: durch solidarische Verbindungen mit anderen Kämpfen und durch verallgemeinerbare Perspektiven und Forderungen, die über die besondere betriebliche Situation und die Position einzelner Beschäftigtengruppen hinausgehen. Gab es dazu Ansätze in den verschiedenen Kämpfen? Welche Bedingungen hat die Erweiterung von Kämpfen über die Betriebsgrenze? Welche Rolle spielt das politische Eingreifen und die Unterstützung von „außen“?

Gewerkschaften und „Bewegungen“
Die Kräfteverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit sind grundlegend verändert, die Gewerkschaften durch Aushöhlung von Tarifverträgen und Druck auf betrieblicher Ebene geschwächt. In den betrieblichen Auseinandersetzungen nehmen die Gewerkschaften und Betriebsräte oft die Rolle einer Ordnungsmacht und Standortpartner des Kapitals ein, Mitglieder- und Glaubwürdigkeitskrise, Druck von der Basis führen aber auch in den Gewerkschaften zu Diskussionen um „Erneuerung“: Beteiligungs- statt Stellvertreterpolitik, Zusammenarbeit mit sozialen Bewegungen. Diese Erneuerungsansätze haben sich aber bisher keineswegs durchgesetzt, ihre politischen Folgen sind offen. Daraus ergibt sich eine widersprüchliche Situation, in der eine antikapitalistische Perspektive konkret in den jeweiligen Kräfteverhältnissen bestimmt werden muss.

Ablauf des Workshops am Samstag, 9. Februar 2008, 14.30 – 19.00,
Haus der Demokratie, Greifswalder Str. 4, Berlin

14.30: Begrüßung und Vorstellung
Block I: Prekarisierung – Klassenzusammensetzung – „neue Klassenkämpfe“?
14.40 – 15.00: Peter Birke (Historiker)
Klassenfragmentierung, Arbeitskämpfe und politische Perspektiven der Klassenkämpfe
15.00 – 15.30: Bernd Röttger (Sozialwissenschaftler)
Krise und Erneuerung von Gewerkschaftspolitik im neuen Kapitalismus.
Was bedeutet die „Linie Luxemburg – Gramsci“ für die Klassenkämpfe der Zukunft?

Block II: „Stand der Kämpfe“ und antikapitalistische Perspektiven
16.30: Mag Wompel (labournet; Industriesoziologin)
„Stand der Kämpfe“: Erfahrungen aus betrieblichen Bewegungen
und Anknüpfungspunkte für Intervention
16.50: Organisierte Autonomie Nürnberg
Erfahrungen beim AEG-Streik und Ansätze antikapitalistischer Intervention
17.15 – 19.00: Diskussion: Unterstützung, Intervention und Organisierung -
Ziele und Formen antikapitalistischer Politik in den Arbeitskämpfen
Inputs von: Hans Kobrich, Vorbereitungsgruppe, Fels/Cinemax-Organizing