MediaSpree – oh nee!

Am Samstag fand der dritte Kiezspaziergang der Initiative MediaSpree versenken! statt. Bis zu 1000 Menschen nahmen daran teil, um gegen die Umstrukturierungspläne am Spreeufer in Friedrichshain und Kreuzberg zu demonstrieren. Ein Artikel dazu findet sich hier.

Schluss mit der hässlichen Stadtumstrukturierung – MediaSpree versenken! So oder so ähnlich werden es die meisten der Teilnehmenden gedacht haben und zogen so vom Boxhagener Platz zum autonomen Kulturzentrum Köpi. Auf dem langen Spaziergang wurde an verschiedenen Stellen halt gemacht, um die immer weiter um sich greifende Gentrifizierung zu thematisieren. Beim Zwischenstopp am Lausitzer Platz wurde ein Agit-Prop Theaterstück aufgeführt. Im Anschluss daran meldete sich passender Weise eine Bewohnerin des angrenzenden Hauses an der Eisenbahnstr. 48, in dem sich auch das Eiscafe befindet, zu Wort: Die jetzigen Besitzer hätten nämlich just am gleichen Tag einen Brief zugestellt, in dem sie verkünden das Haus zu verkaufen. Das Ziel sei die Wohnungen in Eigentumswohnungen umzuwandeln und dafür bäten sie die AnwohnerInnen, den potentiellen Käufern am kommenden Wochenende Zutritt zu ihren Wohnungen zu ermöglichen. Aus dem Lautsprecherwagen wurde daraufhin spontan zu einer massenhaften „Wir sind alle InvestorInnen“-Aktion am kommenden Samstag um zwischen 15 und 17 Uhr aufgerufen. Ziel sei es mit einer ganzen Menge Menschen das Haus zu verstopfen, so dass die Besichtigungen recht zäh würden… Wir finden das eine super Idee und sagen: Haus zu kaufen? Klar! Das schau ich mir an! Bist du etwa Investorin? Ja, klar! Meine Börse ist die Straße.

Außerdem haben wir auch einen Redebeitrag auf dem Kiezspaziergang gehalten. Denn nicht zuletzt, weil MediaSpree versenken! auch an den Vorbereitungen zur Demo am 1. Mai beteiligt ist, durfte unser Anteil natürlich nicht fehlen: Die Rede zum Thema Arbeitsverhältnisse in MediaSpree:

Intro [Erzählstimme] // Berlin. Wir schreiben das Jahr 2010. Es ist ein x-beliebiger Tag, in einem Bezirk, mit dem wohl klingenden Namen MediaSpree. //

Inga: Einen schönen guten Tag! Inga Schmidt ist mein Name, ich hatte um 16 Uhr einen Termin zum Vorstellungsgespräch bei Ihnen. Es geht um die Stelle als Praktikantin.

Chef: Hallo, ich darf doch du sagen, oder? Also Inga, herzlich willkommen in unserem kleinen Glaspalast. Schön haben wir’s hier, nicht? Das Wasser direkt vor der Tür, kreative Menschen soweit das Auge schauen kann, die Alternativkultur gleich um die Ecke und das ganze mitten in unserer schönen Hauptstadt. So und du kannst dir also vorstellen bei unserem Unternehmen Business Solution Lösungen ein Praktikum zu absolvieren?

Inga: Ja, ähm ich habe im letzten Jahr mein Studium an der Technischen Hochschule in Pusemuckel absolviert und bin Diplom-Grafikdesignerin. Ich habe bereits an zahlreichen Wettbewerben teilgenommen und auch schon zwei Praktika hinter mir: eins in London und eins in Paris. Jetzt kellnere ich, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und dabei habe dann in der Kneipe in Kreuzberg Ihren Aushang gesehen.

Chef: Ah, das ist gut. Ja, auf dem Zettel haben wir ja schon angedeutet, dass wir für ein Praktikum auch eine kleine Gegenleistung erwarten… Wir dachten da so an 200 Euro monatlich, die Du uns zahlen müsstest. Du kannst ja sicher verstehen, dass es für uns auch Mehraufwand heißt, wenn wir dich erstmal einarbeiten und danach betreuen müssen. Außerdem bedeutet für dich das Praktikum natürlich auch einen unglaublichen Sprung auf der Karriereleiter. Ich kann dir versprechen, dass du bei uns sehr wichtige Leute kennenlernen wirst. Und vielleicht auch ein paar Kontakte knüpfen kannst.

Inga: Hmm, also äh. Eigentlich war mir das nicht ganz klar. Also nochmal nachgefragt: Ich soll selber Geld zahlen, damit ich ein Praktikum bei Ihrem Unternehmen machen kann. Das kann doch nicht Ihr ernst sein?

Chef: Natürlich! Weisst du, die Zeiten ändern sich halt. Klar, früher da war das eben noch ein wenig anders. Da hattest du deine Ausbildung und deinen Job ein Leben lang. Jeden Tag dasselbe, von 8 bis 16 Uhr, von Montag bis Freitag. Aber wer will das denn heute noch, ist doch langweilig. Bei uns regeln wir das eher flexibel: Wenn wir ein Projekt haben, dann muss das halt fertig werden, da ziehen wir alle an einem Strang. Dann ist es irgendwann egal, ob es Tag oder Nacht oder Wochenende ist. Dann heisst es nur noch: Fertig werden. Und wie du dir sicher denken kannst: Dementsprechend ist bei uns auch für dich keine 37½-Stundenwoche angesagt… Mit 50 plus kannste da schon rechnen. Ach ja und die Sache mit dem Geld: Das dürfte sich doch langsam rumgesprochen haben, dass eine gute Ausbildung halt kostet.

Inga: Alter, geht’s noch? Erstens kann ich mir das nicht leisten und zweitens will ich das auch gar nicht. Ich arbeite doch nicht eine volle Stelle mit Überstunden und bezahle noch Geld dafür. Natürlich will ich nicht zu dieser blöden fordistischen Routine zurück, aber ich mache doch nicht jede Scheiße mit, nur weil sie gerade hip ist. Jetzt sag ich dir mal was: Scheiß Praktikantinnenleben- Ichstreik!

Regie: // Schnitt, Schnitt… Das war ja grauenhaft! Kommen wir mal besser zurück ins hier und jetzt. Berlin. 19. April 2008. Der Stadtteil heisst immer noch Friedrichshain-Kreuzberg und eine nicht ganz unwesentliche Zahl von Leuten demonstrieren gegen MediaSpree. /

MediaSpree. Ein Projekt, das nicht nur die Landkarte rings um die Spree verändern wird. Wenn sich die Vision aus Politik und Wirtschaft realisiert, dann bedeutet das noch mehr: 30 000 Arbeitsplätze sieht die Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer mit dem Projekt MediaSpree entstehen. Ob diese dann so aussehen, wie diese Praktikumsstelle, das wissen wir nicht genau. Unwahrscheinlich ist, dass die Löhne bei minus 200 Euro liegen. Aber selbst, wenn vieles ungewiss bleibt, bei einem sind wir uns sicher:

Egal, ob als Putzkraft in der O2 World, als Grillwalker vor dem U-Bahnhof, als Praktikantin beim hippen Radiosender oder als freie Angestellte in der Werbeagentur Bla und Blubb. Auf bestimmte Art und Weise werden sich die Realitäten der Leute gleichen. Sie werden gezwungen sein, sich klein zu machen, um Geld für ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie müssen Angst haben, krank zu werden. Sie sollen flexibel sein, super motiviert und super kreativ. Sie ertragen auch mit zusammengebissenen Zähnen die Behandlung im Arbeitsamt und den Ärger mit dem Chef. Und wenn wir mal genau hinsehen, dann sind diese Leute nicht die anderen. Wenn wir mal drüber nachdenken, dann merken wir: Das sind genauso wir.

Und wir sind es ebenso, die die unzähligen alltäglichen Zumutungen hinnehmen. Wir wissen zwar oft ein paar Tricks und kennen Mittel und Wege das Arbeiten und das Leben angenehmer zu gestalten. Aber wie wir uns richtig wehren können, ernsthaft widerständig sein können, wie wir den Streik für 1000% mehr, für die Verbesserung von unserem Leben organisieren, dafür haben wir keine einfache Antwort parat.

Wie streike ich als Grillwalker, Taxifahrerin oder freelance-Werbetexter?

Wieso ist die Streikkasse der Dispo?

Ist mein Streiklokal etwa das Bett?

Ist unsere Börse die Straße?

Heisst unsere Gewerkschaft Ich-AG?

Ist unser Existenzgeld etwa Hartz IV?

Ist die fiebrige Angina der Arbeitsschutz?

und was ist eigentlich das da hinten? Ein Alien? Eine Sardinenbüchse? Ein Stalinbau? Ach nee, das ist ja nur die hässliche O2 World.

Fragen haben wir viele, Antworten auch ein paar. Wir, das sind die von der Wir-AG, die am 1.Mai auf der Mayday-Parade demonstrieren. Mayday, das gibt’s nicht nur hier: In zahlreichen anderen europäischen Städten und auch einigen darüber hinaus gehen Menschen gegen Prekarisierung und Umstrukturierung, gegen beschissene Arbeitsverhältnisse und Arbeitszwang, gegen Rassismus und für ein ganz anderes Ganzes auf die Straße. Denn der Kapitalismus hat viele Gesichter und wir wissen schon lange, dass es so nicht weitergehen kann. Mit dem Mayday sind wir auf der Suche nach Widerstandsformen, die unsere Gemeinsamkeit erlebbar machen sollen. Mit dem Mayday wollen wir eine Organisierung in Bewegung bringen, um endgültig das beschissene kapitalistische Hamsterrad zu zertrümmern.

In diesem Sinne: Heraus zum Euromayday 2008: Bewegen, tanzen, demonstrieren – be.STREIK.berlin- be mayday! // 1. Mai // 14 Uhr // Boxhagener Platz.


1 Antwort auf „MediaSpree – oh nee!“


  1. 1 Media-Spree getestet, spaziert, gefimlt, diskutiert und prämiert.. « Infoladen Daneben blogt Pingback am 10. Mai 2008 um 11:48 Uhr
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