///MAYDAY 2007///

Aufruf des Berliner Maydaybündnisses 2007:

auch in türkisch, italienisch, spanisch und russisch!

Hol dir dein Leben zurück! Der Aufruf für 2007:

Alles super?

Super-fleißig, super-billig, super-freundlich. Super-kreativ, super-motiviert, super-flexibel – wir sollen uns aufführen, als wollten wir Stars werden, Superstars. Das Leben als Casting-Show. In der Jury sitzen sie, die Dieter Bohlens und Heidi Klums der Gesellschaft: die Personalchefs und SachbearbeiterInnen, die ArbeitsmarktreformerInnen und Wirtschaftsweisen, die ChefredakteurInnen, HochschulrektorInnen, RichterInnen und Polizeipräsidenten. Sie entscheiden, wer rausfliegt und wer weiterkommt. Und weil sie uns täglich eintrichtern, dass nur die eine Chance haben, die ständig alles geben, machen wir den Rest fast von allein. Das schlechte Gewissen, vielleicht nicht alles versucht zu haben, ersetzt den besten Sklaventreiber. Das Hamsterrad dreht sich, wir laufen. Das prekäre Leben winkt uns zu.

Jung, dynamisch, flexibel, gefeuert

„Prekär“ nennen wir ein Leben in materieller Unsicherheit, Existenzangst und Stress. Und prekäre Verhältnisse sind auf dem Vormarsch. Die Überstunden an der Supermarktkasse, die durchgearbeiteten Nächte vorm Computer, die Ungewissheit, wo Arbeit aufhört und Freizeit anfängt. Die unbezahlten Praktika, die 1-Euro-Jobs, die Geldsorgen und 1000 Nöte, in denen wir stecken, sind Teil desselben Problems. Wo freie Zeiteinteilung, Selbstverwirklichung und Eigeninitiative draufsteht, ist meist Arbeitshetze, Ausbeutung und Rechtlosigkeit drin.

Im Kapitalismus gehören Prekarität und Arbeit sowieso zusammen. Wer vom Verkauf seiner Arbeitskraft leben muss, kann sich nicht in Sicherheit wiegen. Aber für die Unsicherheit gab es lange Zeit Einschränkungen – zumindest in Deutschland und anderen reichen Ländern der Welt. Dafür sorgten fest geregelte Verhältnisse im Arbeitsleben und sozialstaatliche Institutionen, die ein gewisses Maß an materieller Sicherheit boten. Das galt noch nie für Flüchtlinge und MigrantInnen und für Frauen auch nur mit Abstrichen. Aber Arbeiter, Angestellte und Akademiker mit deutschem Pass mussten sich zumindest keine Sorgen machen vor dem Absturz ins Bodenlose. Das hat sich geändert.

Prekäre Perspektiven

Die alltägliche Ungewissheit ist nicht nur persönliches Lebensgefühl für immer mehr Menschen – sie ist die neue Normalität geworden, an der sich das Leben aller ausrichten soll. Und sie hält nicht nur die unmittelbar Betroffenen auf Trab. Die bloße Angst vorm Abstieg genügt, um auch diejenigen zu Höchstleitung anzuspornen, die noch ein geregeltes Arbeitsverhältnis haben. Als abschreckendes Beispiel dienen die Erwerbslosen, die nach ein oder zwei Jahren Arbeitslosigkeit als unvermittelbar gelten. Der Abbau sozialer Sicherheiten und die Drohung, man sei jederzeit ersetzbar, verschärfen die Konkurrenz untereinander. Erwerbslose werden gegen Beschäftigte in Stellung gebracht, LeiharbeiterInnen gegen Stammbelegschaften ausgespielt, Flüchtlinge und Erwerbslose zu Sündenböcken für den Rest gemacht, zum Blitzableiter für den Frust der Mehrheit. Um sicher zu stellen, dass Flüchtlinge nicht auf der Suche nach einem besseren Leben einreisen, rüstet Europa seine Außengrenzen zu modernen Festungen hoch. Wer es trotzdem schafft, die Grenzen zu überwinden, ist ohne gültige Papiere der Willkür der UnternehmerInnen ausgeliefert. Oder nimmt deutschen Familien die Arbeit im Haushalt und bei der Aufzucht der Kleinen ab – damit Mami und Papi sich voll dem Beruf widmen können…

Wir sind doch keine Aufziehpuppen!

Prekarität ist überall – und überall ein bisschen anders. Aber eines ist klar: Ohne die Prekären läuft hier gar nichts! Abgekoppelt und überflüssig – soll das ein Witz sein? Wie kann ein Mensch überflüssig sein? In diesem Leben werden wir keine Stars mehr. Ist auch nicht nötig, denn wir sind Helden – Heldinnen und Helden des prekären Alltags. Wir wissen, wie man überlebt in Zeiten von Prekarisierung und Hartz IV. Wir jonglieren mit mehreren Jobs, Kindern und Studium. Wir sind erwerbslos und über Fünfzig. Wir sind Hauptschulabgänger ohne Lehrstelle. Wir haben keinen gesicherten Aufenthalt und sind von Abschiebung bedroht. Und wir haben mehr gemeinsam, als man uns glauben macht.

Hol dir dein Leben zurück…

Der Mayday lädt alle ein, nicht länger für sich allein zu bleiben, sondern gemeinsam für ein besseres Leben auf die Straße zu gehen. Von Arbeit muss man leben können – ohne Arbeit auch! Um dem täglichen Konkurrenzkampf und der Vereinzelung zu entgehen, solidarisieren, vernetzen und organisieren wir uns. Dem Ruf nach Selbstausbeutung und permanenter Verwertbarkeit halten wir unsere Forderung nach einem schönen Leben und freier Bildung für alle entgegen! Nationalismus und Rassismus erteilen wir mit der internationalen Mayday-Organisierung eine klare Absage! Am 1. Mai treten wir aus der gesellschaftlichen Unsichtbarkeit heraus und tauschen uns über Ideen und Alternativen gegen die täglichen Zumutungen aus. Wir lassen uns inspirieren vom Beispiel der Flüchtlinge, die vor zwei Jahren auf der Baustelle der Berliner Rathauspassage um ihren Lohn betrogen wurden. Sie haben sich organisiert, den Auftraggeber unter Druck gesetzt und ihr Geld schließlich bekommen. Wir berichten von denjenigen Erwerbslosen, die nur noch in Gruppen ins Jobcenter gehen. Zusammen schaffen sie es, den täglichen Schikanen etwas entgegen zu setzen und sich nicht klein machen zu lassen. Und auch von den SuperheldInnen aus Hamburg werden wir sprechen. Sie haben vor einem Jahr vorgemacht, dass man sich seinen Teil am Reichtum nehmen kann, ohne groß zu fragen. Sie haben die Waren aus einem Luxussupermarkt kurzerhand an die Prekären der Hansestadt umverteilt.

…Solidarität statt Prekarität!

Erst in Italien, inzwischen fast überall in Europa hat sich die Bewegung der Prekären formiert. Vor einem Jahr erreichte sie auch Berlin. Mehr als 6000 zogen auf der ersten Berliner MaydayParade durch Kreuzberg und Neukölln und protestierten gegen die Prekarisierung von Arbeit und Leben. Sie beteiligten sich auf vielfältige und kreative Weise an der Gestaltung des Umzugs und bewiesen so, dass auch in Berlin am 1. Mai neue Formen von Protest und Widerstand nötig und möglich sind. Daran knüpfen wir an.
Kommt zur Parade, beteiligt euch, macht Aktionen, lasst euch was einfallen! Kommt am 1. Mai um 14 Uhr zum Lausitzer Platz in Kreuzberg.

Hol dir dein Leben zurück – Solidarität statt Prekarität! Mayday in Berlin! Milano! Malaga! Helsinki! Leon! Hamburg! Hanau! Wien! Copenhagen! Napoli! Liège! …

Bündnis + Informationen: berlin.euromayday.org

1.5.07//14 Uhr//Lausitzer Platz//Kreuzberg//Berlin//Auftaktkonzert mit Bernadette La Hengst, Rhythm King And Her Friends

22. April, 19 Uhr Diskussionsveranstaltung im Kato (U-Bhf. Schlesisches Tor): „Prekär arbeiten und Leben – Chance oder Schicksal? Individuell akzeptieren – oder organisiert widerstehen?“

Spendenkonto: Vobik e.V.//Kontonummer: 727 142 6008//BLZ: 100 900 00//Volksbank Berlin//Stichwort Mayday 2007

Aufruf 2007

Aufruf 2007_2

Hier sind die Plakate für den Mayday 2007. Außerdem gab es noch den Aufruf-Flyer sowie schicke Postkarten.

Plakat_1
Plakat_2
Plakat_3

---------------------------------------------------------------

Aufruf zur Sicherheitsdemo am 22.09.2007:

Der Aufruf für die Demo gegen den Überwachungsstaat

Sie nennen es Sicherheit. Wir nennen es Stasi 2.0.
Globale soziale Rechte statt Überwachungsstaat!

Sicherheitsgesetze, innere Sicherheit, Bundes-Trojaner, heimliche Online-Durchsuchung, Vorratsdatenspeicherung, Antiterrorparagraf 129a, Polizei- gesetzverschärfung… Die Liste kann beliebig fortgeführt werden und alle machen mit: von der Linkspartei bis zur CDU. Wer oder was ist da noch sicher?!

Wessen Sicherheit?
Eins ist sicher bei dem Generalangriff auf elementare individuelle und politische Rechte: Er Nützt denen, die den Staat in einen autoritären und präventiven Sicherheitsstaat umwandeln wollen. Auf dem Weg zum gläsernen Menschen wird fleißig all das bekämpft, was die herrschaftliche Vorstellung von Demokratie und Markt in Frage stellt. Gefährlich ist so alles, was sich der staatlichen Obhut entzieht. Dem Sammelwahn des Staates scheinen keine Grenzen gesetzt, wie das geplante Gesetz zur Vorratsdatenspeicher- ung (sechsmonatige Speicherung von fast allen Telekommunikationsdaten) zeigt. Nicht nur der Staat hört mit. Fast alle Unternehmen speichern die persönlichen Daten ihrer Kunden. Doch, was als Komfort verkauft wird, macht unser Leben durchsichtig und potentiell einsehbar: Wer telefoniert mit wem? Wer hat sich wo bewegt? Und in welchem Raum Strom verbraucht? Wir fragen uns: Wer braucht all diese Informationen und gegen wen sollen sie verwandt werden? Die Liste der angeblichen und realen Bedrohungen ist lang und breit, aber – uns egal. Wir legen keinen Wert auf diese Sicherheit, die lediglich heißt, noch mehr überwacht, protokolliert und abgehört zu werden. Wir nennen das Stasi 2.0, wenn jeder, der versucht sich dem Überwachungssystem zu entziehen, zumindest verdächtig und in manchen Fällen terroristisch ist.

Sicher nicht schlecht – globale soziale Rechte
Fast nie meinen Politikerinnen und Politiker mit Sicherheit einen gesellschaftlichen Zustand, der es allen Menschen ermöglicht ein gutes Leben zu führen. Sicher ist vielen nur die tagtägliche Gewissheit unter prekären Verhältnissen leben zu müssen. Unsere Sicherheit hat eine andere Logik! Sicherheit bedeutet ein bedingungsloses Existenzgeld für alle und Bleiberecht für alle, die hier leben wollen. Sicherheit bedeutet ökonomische Unabhängigkeit, bedeutet Bewegungsfreiheit, bedeutet das Recht auf gute gesundheitliche Versorgung. Also: Globale soziale Rechte – ein gutes Leben – für alle!

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?
Klar ist, all das bekommen wir nicht geschenkt. Dennoch gilt es gerade jetzt die Einschränkung der Freiheit für jeder und jeden von uns gemeinsam abzuwehren und politische, soziale und individuelle Handlungsspielräume zu erhalten. Wir wollen keinen Überwachungsstaat á la Stasi 2.0. Wir wollen uns überall und auch im Internet frei bewegen können. Wir wollen die Sicherheit für jeden Menschen, damit er morgen noch ein würdiges Leben führen kann. Deswegen lasst uns für das kämpfen, was uns zusteht und kommt zahlreich zur Demo! In diesem Sinne: Alles für alle – und zwar umsonst!

Macht mit beim Mayday-Block auf der Demo gegen den Überwachungswahn am 22. 09. ab 14.30 am Brandenburger Tor / Pariser Platz (Berlin-Mitte).

Hier sind die drei Plakate, die im Vorfeld der Demonstration gegen die Vorratsdatenspeicherung, dem Überwachungswahn und den präventiven Sicherheitsstaat am 22.09. entstanden sind.